Esoterische Gefüge voll geometrischer Ordnung

Zu Anton Tyrollers Ausstellung „Figurentanz“ im Ingolstädter Diagonal

Ingolstadt (ked) Wiederholungen gibt‘s nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Kunstbetrieb: Seinen Bilderzyklus „Figurentanz“, im Herbst vergangenen Jahres bereits in der Galerie „modern art“ zu sehen, zeigt der Ingolstädter Maler Anton Tyroller nun in der Bürgertreffkneipe Diagonal. Zehn Arbeiten gehören zu dieser esoterisch bestimmten Serie, die einzelne, zu geometrischen Formen gewundene Menschengruppen in ein  übermächtig-

flammendes Ambiente stellen. Kugel, Würfel, Pyramide, aber auch Blüte oder Stern bilden die im Farbmeer winzig wirkenden, anatomisch genauen Figuren, die losgelöst und verloren zugleich in der Macht der Elemente zu schweben scheinen der Mensch als Nichts im Raum, gehalten nur von anderen seiner Spezies, Gemeinschaft als Atom- verbindungen in der Unendlichkeit. Die stark symbolische Wirkung der 1995 entstandenen Ölbilder

wird noch betont durch Tyrollers dramatisch überhöhte Farbgebung: In stets wie von innerem Licht beschienenem warmen Rot, Grün oder Gelb lodern seine Leinwände. Hell und  fast  transparent wie Engel erscheinen dagegen die Figuren von Anton Tyroller, die so um so leichter tanzen können. Im dämmrigen Kneipenlicht   muss   man für deren ausgearbeitete Feinheiten zwar besonders gut hinschauen, aber das ist eher  vorteilhaft.

Karin Derstroff

Donaukurier 17.02.1996

GEMEINSAM SEID IHR STARK!

Kunstverein Bad Dürkheim zeigt Anton Tyrollers Installation „Die Brücke“, eine beeindruckende Feier menschlicher Solidarität

     VON UNSEREM REDAKTEUR     HOLGER PÖSCHL

 Ziel- und planlos bewegen sich die Holz-Männchen zunächst über den riesigen quadratischen Hof, der mit ho- hen Sichtbeton-Wänden von der Umwelt abgeschottet ist. Jedes für sich. Bei jedem Schritt hört man einen kleinen Klick. Andere stehen alleine oder in Kleingruppen da - allesamt wirken sie ziemlich verloren. Doch irgendwann geht ein Ruck durch die Menge, wie einem geheimnisvollen Zwang folgend, gruppieren sich die „Einzelkämpfer“ zu zwei Gruppen, bilden — ähnlich wie die berühmten „Castellers“ in Katalomen — zwei Menschen-Pyramiden, die schließlich per Handschlag zu einer Brücke zusammenwachsen. Zu erleben ist dieses computeranimierte Kollektiverlebnis in einem Videoflim, den der Ingolstädter Künstler Anton Tyroller derzeit in einer Ausstellung des Bad Dürkheimer Kunstvereins zusammen mit der zugehörigen Installation „Die Brücke“ in der Halle des Tennisclubs Schwarz-Weiß zeigt. Das Video ist dabei als „Film zur Installation“ zu verstehen, der das gedankliche Konzept des Kunstwerks vor Augen führt — zunächst die Isolation des Einzelnen auf der weiten Fläche des Alltags, dann die Gruppenbildung und schließlich die Verbindung über die „menschliche Brücke“.                     „Solidarisches- Verhalten in der Gesellschaft“ sei ein Thema, das ihn fasziniere, sagt Tyroller im Gespräch — und schwärmt von den “Synergieeffekten,

Verbindung über Grenzen hinweg: Anton Tyrollers Installation „Die Brücke“, die zusammen mit eine Video für eine Woche in der Halle des Tennisclubs Schwarz-Weiß in Bad Dürkheim zu sehen ist.

die frei werden, wenn man zusammen arbeitet“. Aus diesem Interesse am Gesellschaftlichen heraus entstand dann auch vor drei Jahren die Installation „Die Brücke“, die gewissermaßen den Endzustand des Videos zur raumgreifenden Skulptur „einfriert“: 33 nahezu lebensgroße Figuren aus Holz, geniale Abbreviaturen des Menschlichen mit Torso und Kopf aus einfachen Brettern, Armen und Beinen aus Holzstäben, die sich zu einer acht Meter langen und vier Meter hohen, fragilen Brücke verbinden.

 Dass dieses Thema der „Verbindung“ den kunstbegeisterten Autodidakten Tyroller schon seit langem beschäfligt, zeigen die ebenfalls in der Ausstellung zu sehenden Kunstdrucke »Ring“, »Stern“ und »Pyramide“ nach Ölgemälden des Künstlers von 1995, die das Motiv der Installation variantenreich vorwegnehmen. Seit vier Jahren hat der Maler und Objektkünstler zudem die Medienkunst entdeckt. Das in rund halb jähriger Arbeit im aufwändigen 3-D-Modelling-Verfahren hergestellte Video zur „Brücke“ ist bereits

 der dritte Film, den der 40-Jährige in Eigenregie am Computer verwirklichte. Nicht umsonst wird er immer häufiger auch zu Filmfestivals eingeladen und erhielt im vergangenen Jahr gar einen Preis beim „Computer Art Festival“ im slowenischen Nova Gorica. Die fünf Minuten, die der „Brücke“-Fjlm dauert, sollte man sich nicht nur aus diesem Grund auf jeden Fall gönnen: Der Streifen erweitert die Thematik auch um wichtige Details, zeigt etwa unterschiedliche Haltungen zum solidarischen Werk, deutet Rückschläge

Holger Pöschl

Rheinpfalz, 05.07.2003

an. Und zum Schluss erweitert er die Perspektive, die fiktive Kamera fährt nach oben, und man sieht, dass der abgeschlossene Hof nur einer von Hunderten, Tausenden, Abermillionen ist, dass es viele Parallelwelten gibt, die das Individuum in seinem Alltagstrott gar nicht wahrnimmt. Für den Bad Dürkheimer Kunstverein ist die Ausstellung mit Anton Tyroller der Abschluss eines Veranstaltungsmarathons mit vier Vernissagen binnen zwei Monaten. Wie schon im Fall der Schweizerin Barbara Peyer, deren Installation „Lichtwolke“ im Juni im Kurpark zu sehen war, kam auch der Kontakt, zu Tyroller über die Wormser Ausstellung „Blickachse“ zustande. Dass die „Brücke“ dabei nun ausgerechnet in einer Tennishalle ausgestellt wird (als Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten des TC Schwarz-Weiß), hat in erster Linie mit der Größe des Objekts zu tun, für das sich in Bad Dürkheim kein besserer Platz finden lließ. Anton Tyroller aber ist mit dem Ausstellungsort sehr zufrieden. Die Thematik lasse sich schließlich sehr gut auf einen Verein wie den Tennisclub übertragen, sagt er, denn auch da müsse man ja solidarisch zusammen arbeiten, um etwas zu erreichen.

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 —Anton Tyrollers „Brücke“, lnstallation und Video, ist bis Sonntag 13. Juli, in der Halle des Tennisclubs TC Schwarz-Weiß, Kanalstraße 44, in Bad Dürkheim zu sehen. Öffnungszeiten: täglich von 13—19 Uhr.

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